Vor wenigen Tagen ging die UN-Klimakonferenz 2025 im brasilianischen Belém zu Ende. Gesa Ziemer war vor Ort und sieht sich bestätigt: Stadtentwicklung und Klimawandel müssen zusammen gedacht werden. Wie Kommunen zum Treiber von Klimapolitik werden können und woran Smart-City-Strukturen vielerorts scheitern, schreibt die Professorin für Digitale Urbane Kulturen im Werkstattbericht.
Gerade erst bin ich von der Klimakonferenz COP 30 zurückgekehrt, die in diesem Jahr im brasilianischen Belém stattfand, einer Stadt mit rund 1,3 Millionen Einwohnenden an der Mündung des Amazonas. Der Austragungsort war im Vorfeld umstritten. Denn es war bekannt, dass die Organisation einer so großen Konferenz in dieser Region enorme Anstrengungen erfordern würde. Gleichzeitig kann es wertvoll sein, Entscheidungsträger*innen, die häufig weit von konkreten Lebensrealitäten entfernt handeln, mitten in den Amazonas zu holen – dorthin, wo die Zerstörung des Regenwaldessicht- und spürbar ist.
Der Amazonas gehört zu den biodiversesten Regionen der Erde. Ihn zeichnen seine komplexen Wassersysteme, die üppige Flora, das ganzjährig warm-feuchte Klima, seine schiere Größe und die indigenen Gemeinschaften aus, die dort bis heute weitgehend im Einklang mit der Natur leben. Der Regenwald ist einer der weltweit größten CO₂-Speicher und zugleich ein möglicher Kipppunkt im Klimasystem. Durch Abholzung, steigende Temperaturen, veränderte Niederschlagsmuster und häufigere Waldbrände droht er sich zu verwandeln, mit dramatischen Folgen für das globale Klima. Es handelt sich eben nicht um ein isoliertes, sondern um ein hochgradig vernetztes, global relevantes Ökosystem.
Durch meine Reise war ich zum ersten Mal im Amazonasgebiet und tief beeindruckt von der Fülle an Leben. Ebenso davon, wie fragil dieser Raum ist, der an vielen Stellen bereits durch Brandrodungen, Monokulturen, Ölbohrungen und Infrastrukturprojekte gezeichnet ist. Besonders interessant fand ich den Pavillon zur Planetary Science, also jener interdisziplinären Wissenschaft, die sich mit unseren planetaren Grenzenauseinandersetzt.
Gleich zu Beginn traten dort auf einem Panel indigene weibliche Führungspersönlichkeiten auf. Sie stellten die westliche Wissenschaft infrage, weil diese trotz jahrzehntelanger Forschung die fortschreitende Zerstörung der Umwelt nicht verhindern konnte. Gleichzeitig betonten sie, dass ihre Gemeinschaften seit Generationen wissen, wie man im Einklang mit der Natur lebt. Ihre Stimmen machten deutlich: Technologische Lösungen allein reichen nicht, wenn wir nicht zugleich Machtverhältnisse, Wissenshierarchien, unser Konsumverhalten und unser Verhältnis zur Natur grundlegend hinterfragen.
Das City Science Lab an der Hafen City Universität in Hamburg arbeitet seit fünf Jahren mit den Vereinten Nationen im sogenannten Unitac Lab zusammen. Inspiriert von Technologien, die wir in Hamburg entwickeln, arbeiten wir hier international vorwiegend in Ländern des Globalen Südens zusammen. Denn es gibt inzwischen kein Thema der Stadtentwicklung mehr, das nicht auch klimarelevant wäre. Städte verbrauchen viel Energie und stoßen große Mengen an Treibhausgasen aus. Sie sind von Hitzeinseln geprägt. Bei Starkregen kommen sie an ihre Grenzen, weil Böden großflächig versiegelt sind.
Gleichzeitig liegen gerade in Städten große Hebel. Sie sind Orte politischer Gestaltungsmacht und Laboratorien, in denen klimaschonende Maßnahmen besonders stark wirken können. Entsprechend groß war das Interesse an einem Minister*innentreffen zu Urbanisierung und Klimawandel während der COP 30. Bemerkenswert war, dass dort – obwohl die USA offiziell nicht an der COP 30 teilnahmen – Gavin Newsom auftrat, der Gouverneur von Kalifornien, der sich aktuell als möglicher demokratischer Präsidentschaftskandidat positioniert. Er eröffnete seine Rede mit den Worten, der derzeitige Präsident der USA (bekanntlich ein erklärter Klimawandel-Leugner) sei nur ein Übergangsphänomen. Kalifornien stehe uneingeschränkt zu den Zielen des Pariser Klimaabkommens. Diese Aussage zeigt, wie sehr subnationale Akteure – Städte, Regionen, Bundesstaaten – zu eigenständigen Treibern der Klimapolitik werden können.
Während der Konferenz habe ich mehrere Best-Practice-Beispiele aus unseren Forschungslabs vorgestellt, die auf digitalen Geodaten und Satellitenbildern basieren und bereits in afrikanischen und lateinamerikanischen Städten eingesetzt werden. Dazu gehört etwa das BEAM-Tool (Building & Establishment Automated Mapper), ein KI-gestütztes Werkzeug, um automatisch Dächer informeller Siedlungen anhand von Luft- oder Satellitenaufnahmen zu erkennen und zu kartieren. Stadtverwaltungen können damit informelle Siedlungen besser nachvollziehen und steuern. Denn solche Siedlungen entstehen häufig in Risikogebieten, etwa an Hängen oder in Überschwemmungsgebieten, die bei Starkregen weggeschwemmt werden können.
Ein weiteres Beispiel ist die Digital Job Card, eine Web- und Mobilanwendung, die lokale Verwaltungen darin unterstützt, im Bereich der städtischen Grundversorgung Arbeitsaufträge zuzuweisen, nachzuverfolgen und zu dokumentieren. Für Städte, die bislang über wenig digitale Daten verfügen, ist das ein Einstieg, um eine systematische Datengrundlage aufzubauen. Mit dieser können sie Informationen zuverlässiger weiterleiten, schneller warnen und Abläufe effizienter organisieren.
Gerade in den Gesprächen vor Ort wurde erneut klar, wie groß die technologische Lücke zwischen Städten mit einer guten Datenbasis – wie Hamburg – und den vielen Städten ist, in denen ein großer Teil der Bevölkerung in informellen Siedlungen lebt. Diese Städte wachsen und haben oft eine sehr schlechte Datenlage und wenig finanzielle oder personelle Ressourcen, um „Smart-City“-Infrastrukturen aufzubauen. Häufig beginnen wir ganz simpel: Wir sammeln zunächst Daten und zeigen mit einfachen Anwendungen, welches Potenzial in digitalen Werkzeugen steckt. In den Workshops mit den (oft sehr kreativen) Menschen und simplen Technologien fokussieren wir uns auf Innovation und weniger auf die pure Weiterentwicklung von Technologien.
Im Bereich urbaner Resilienz sind gut aufbereitete digitale Daten eine zentrale Grundlage, um Klimarisiken zu verstehen, Anpassungsmaßnahmen zu entwickeln und Warnsysteme aufzubauen. Gleichzeitig ist klar, dass wir diese Datengrundlagen vermutlich nie flächendeckend und die gewünschte Qualität haben werden. Umso wichtiger ist es, parallel dazu von indigenen Gemeinschaften zu lernen, deren Wissen seit Generationen weitergegeben wird und sich in vielen Fällen als effizient und umweltschonend erwiesen hat, obwohl es analog ist. Alte und neue Technologien, traditionelles Wissen und Hochtechnologien, sollten nicht gegeneinander ausgespielt, sondern bewusst miteinander verknüpft werden.
Wie inspirierend diese Verbindung sein kann, zeigte die immersive Ausstellung Imaginary Atlas der Künstlerin Gabriela Bílá Advincula, die Teil unseres City-Science-Netzwerks ist, das das MIT Media Lab in Cambridge (USA) leitet. Mit lokalen indigenen Künstler*innen und mit hoch entwickelter Technologie aus dem MIT Media Lab entwarf sie Zukunftsbilder für Belém, das genau wie Hamburg künftig aus schwimmenden Elementen bestehen könnte. Die Arbeit war nicht nur ästhetisch beeindruckend, sondern zeigte auch, welches Potenzial darin liegt, die Zukunft der Stadt sowohl mit neuen Technologien, als auch mit altem Wissen zu gestalten.
Gesa Ziemer ist Professorin für Digitale Urbane Kulturen an der Hafen City Universität Hamburg. Sie leitet als Direktorin das dortige City Science Lab, das in Kooperation mit dem MIT Media Lab die Veränderung von Städten durch die Digitalisierung erforscht. Außerdem ist sie akademische Leiterin des UN-Innovationslabs für Städte Unitac (mit dem UN Habitat in Nairobi und dem OICT in New York). Zuletzt von ihr in dieser Rubrik erschienen: Warum Kommunen und Start-ups enger zusammenarbeiten müssen.
